Der Eichenprachtkäfer im Kreisgebiet Offenbach

Seit Anfang 2023 wird in Hessen über den Befall von Wäldern mit hohem Eichenanteil durch den Eichenprachtkäfer (Agrilus biguttatus /1) berichtet. Erste Befunde kamen aus dem Lahn-Dill-Kreis: dort ist der Eichenanteil mit fast einem Viertel entsprechend hoch, was mit potentiell hohen Schäden der Holzmasse einhergeht.

 

Im Kreisgebiet Offenbach ist es insofern anders, weil bei uns der Eichenanteil nur zirka 5-6% beträgt - der Forst hat sich in der Vergangenheit schließlich auf schnellwachsende Nadelhölzer konzentriert. Das bedeutet, dass die potentiell maximale  Schädigung auch nur ein Fünftel von derjenigen im Gebiet Wetzlar betragen kann. Bei einer Schulung der hiesigen Förster durch Wissenschaftler der Forstlichen Versuchsanstalt Nordwest  war das Schreckenszenario, dass ohne Maßnahmen in etwa 10 Jahren keine Eichen mehr in unseren Wäldern zu finden wären (/2). Daher sieht auch das Forstamt Langen die einzige sinnvolle Maßnahme zur "Bekämpfung" dieses Schädlings darin, befallene Eichen mit Sanitärhieben aus unseren Wäldern zu entfernen. Zitat HF: "Befallene Eichen müssen gefällt werden, um die weitere Verbreitung des Eichenprachtkäfers zu verhindern". Aus meiner Sicht ist auch die diesbezügliche Berichterstattung in den Medien einseitig (/3/4/9/12), da immer nur die Förster befragt werden, obwohl es durchaus auch andere Sichtweisen gibt, z.B. aus der Wissenschaft (/5) und der forstlichen Praxis anderer Bundesländer (/6).

 

Ist der Sanitärhieb also wirklich alternativlos? Antwort: Es kommt darauf an!

Es kommt an auf den Blickwinkel mit der der Wald gesehen wird. Wir bewegen uns hier  (wieder einmal) im Spannungsfeld zwischen

  • dem Wunsch nach Artenvielfalt im Wald (hoher Beitrag durch die Eiche)
  • dem Erhalt von Eichenbeständen und
  • der (kommerziellen) Nutzung des Eichenholzes

Aus meiner Sicht ist die Haupttriebfeder der Kollegen mit der Forstbrille Punkt 3:

die Holzentwertung durch den Befall des Prachtkäfers, gefolgt von Folgeschädigungen durch Pilze etc.. Von daher sollen die noch wenig geschädigten Bäume "gerettet" werden, um sie zu vermarkten.

Aber: Derzeit ist der Eichenholzmarkt mit dem Überangebot an Material nahezu gesättigt, es besteht faktisch keine Nachfrage bzw. die zu erzielenden Preise sind vernachlässigbar. Von daher macht es keinen Sinn die Bäume jetzt zu verkaufen. Daher schafft der Forst, die Bäume in eichenferne Läger bei Fulda, schweisst sie in Folie ein zur Begasung mit CO2, und wartet auf bessere Zeiten/Preise. Um das Holz dann zu verkaufen! (/8). Also werden doch - entgegen der Empfehlung der NW-FVA - Bäume sozusagen im Vorgriff entfernt, um das Holz aus kommerzieller Sicht zu retten. Es sind daher nicht nur gezielte Entnahmen, es ist von Schneisen die Rede, die beim Weißen Tempel bereits in den Langener Wald gefräst wurden (/8).

 

Es ist davon auszugehen, dass es mit den jetzt getätigten Fällungen nicht zu Ende ist, und Hessen Forst spätestens im Herbst weitere Entnahmen als notwendig erachtet (/11). Gegen diesen Unfug müssen wir unbedingt etwas unternehmen.

 

Die negativen Folgen von präventiven Sanitärhieben für die Biodiversität sind erwiesen. Es gibt auch klare Ergebnisse, dass sich der Eichenprachtkäfer nicht in gesunden Eichen vermehren kann (/5). Zudem wird seine Ausbreitung durch Sonneneinstrahlung begünstigt. Das bedeutet, dass durch das Entfernen von befallenen Eichen Waldlichtungen entstehen, die die Lebensbedingungen für den lichtliebenden Schädling sogar verbessern (/6). Ansonsten ist die Datenlage zur Beteiligung des Schädlings am Eichensterben sehr dürftig bis unerforscht.

 

Aus Sicht des NABU sollte das Augenmerk auf Verbesserung der Artenvielfalt im Wald gelegt werden. Hier spielt die Eiche als heimischer Baum mit Klimapotential eine zentrale Rolle. Die Entnahme einzelner Bäume sollte daher nur mit Bedacht erfolgen, mit dem Ziel das Habitat und gesunde Nachbareichen zu schützen. Zielkonflikte sollten durch klare Vorgaben der Waldeigner ausgeschlossen werden können. Hier bietet es sich an, dass der NABU als neutrale Instanz der Politik Hilfestellung gibt.

 

Bitte lasst uns als NABU-Gemeinschaft im Kreis Offenbach hier zu einer abgestimmten Auffassung kommen, die wir dann gegenüber der Politik als Alternative zur Abholzmentalität von Hessen Forst vertreten.

Nachtrag: auf der KVV am 23.3.2024 haben die Vertreter den Kreisvorstand ermächtigt ein Positionspapier im o.a. Sinne zu formulieren, das dann als Alternative zum Vorschlag der Forstverwaltung an die Waldeigener und die Presse gegeben wird.

Weiterführende Info:

1/ Artenportrait Zweigefleckter Eichenprachtkäfer

2/ Hessen Forst: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt rät zur Entnahme

3/ Podcast vom 11.3.24: Probleme im Rhein-Main-Gebiet

4/ Neuer Schädling bedroht Bäume im Kreis Offenbach (OP 11.2.24)

5/ Prachtkäfer & Co  - Zwischen Waldsterben und Naturschutz in Eichenwäldern

6/ LWF-Faltblatt: Der Zweipunktige Eichenprachtkäfer

7/ NW-FVA: Prachtkäferbefall an Eiche, 2023

8/ Buchschlag und Langen: 850 Eichen vor Fällung, OP-Online 13.3.24

9/ Stadtpost Neu-Isenburg vom 9.3.24: Gefräßige Käfer setzen Eichen zu.

10/ OF-News vom 16.2.24: Eichenprachtkäfer befällt 50 Eichen in Obertshausen

11/ OF-News vom 20.3.24: Eichenprachtkäfer im Mühlheimer Stadtwald

12/ Offenbach Post vom 28.3.2024: Baumfällarbeiten im Wald hinterm Kieswerk Weiß


Verfasser: Dr. G. Dettweiler, NABU Mühlheim und Offenbach, März 2024